Sexpreneurinnen: Sexualberaterin Doris Kaiser: „Normal ist das, was einem selbst gut tut“

Obwohl wir überall über Sexualität lesen können, ist die Verunsicherung größer denn je. Ich sprach mit Doris Kaiser, psychologische Beraterin und Sexualberaterin aus Linz, über Sexklischées und wie man Erotik nach seinen Bedürfnissen leben kann.

Im Internetzeitalter gibt es eigentliche keine Sexgeheimnisse mehr? Warum wirst du also als Sexualberaterin noch gebraucht?

Doris Kaiser: Es stimmt, es wird viel über Sex geschrieben, aber die Probleme sind tabu. Das Sexleben in den Medien sieht anders als in der Realität aus. Es wäre eine Befreiung, darüber mal zu sprechen. Beim Sex erwarten wir immer, dass alles von alleine läuft. Dabei bucht man sich auch einen Fitnesstrainer, der einem das Laufen beibringt, obwohl man das im Prinzip ja kann. Der Trugschluss ist zu glauben, das Sexleben müsste so sein wie in Hollywoodfilmen, wo die Paare immer nur guten Sex und beide auch noch gleichzeitig einen Orgasmus haben. Meine Arbeit besteht also auch darin, Annahmen, was normal und nicht normal beim Sex ist, aufzulösen und besonders Frauen dabei zu helfen, eine individuelle Sexualität nach ihren Bedürfnissen zu entwickeln.

Doris Kaiser

Mal angesehen von diesen stereotypen Bildern über Sex, die uns alle prägen, womit tun sich Frauen besonders schwer in ihrer Sexualität?

Doris Kaiser: Der Hauptunterschied zwischen Männern und Frauen ist sicher neben der unterschiedlichen Hormonlage, dass Sex für Männer eine körperliche Angelegenheit ist, während bei Frauen viel mehr zusammenspielen muss. Körper, Geist und Seele müssen angesprochen werden, nur ein toller Körper reicht meist bei Frauen nicht aus. Hinzu kommt: Männer nutzen Sex, um zu entspannen. Frauen müssen entspannt sein, um offen für Sex zu sein. Und obwohl es inzwischen Escort-Services, Erotik-Shops und Pornos speziell für Frauen gibt, ist es erschreckend, wie wenig Frauen ihren Körper kennen. Und vor allem schätzen. Das Lieblingswort der Frauen lautet „Problemzone“. Unzufriedenheit mit sich und seinem Körper ist aber für eine glückliche Sexualität nicht förderlich.

Sex ist omnipräsent, alles ist möglich. Ist das eine Befreiung oder eher Geißel?

Doris Kaiser: Die Probleme sind durch die Omnipräsenz nicht weniger geworden. Der Druck steigt dadurch bei beiden Geschlechtern und auch bei jungen Leuten, die mit pornographischen Bildern und Filmen erwachsen werden. Wichtig ist, sich von den Bildern und Medienartikeln zu lösen. Man kann sich darüber Inspiration holen. Aber man sollte auf keinen Fall denken, man sei nicht normal, wenn man bestimmte Dinge eben nicht will oder tut. Früher war alles verboten, da hat man rebelliert, in dem man viel ausprobiert hat. Heute ist scheinbar alles erlaubt, gewünscht oder gar ein Muss. Seit „50 Shades of Grey“ denkt jeder, man müsse eine Peitsche zu Hause haben, mindestens im Leben einmal einen Dreier erlebt haben oder in Swingerclubs gehen. Die größte Herausforderung besteht also darin, „Nein“ zu sagen, wenn man etwas nicht will. Interessanterweise sind bei der jungen Generation Monogamie und feste Beziehungen wieder auf dem Vormarsch. So etwas gibt eben Sicherheit in einer Welt, in der alles möglich ist.

Frauen in der Lebensmitte erlebe ich oft verunsichert. Was bedeutet das für die Sexualität?

Doris Kaiser: Natürlich spürt jede Frau die körperlichen Veränderungen durch die Wechseljahre. Allerdings sind die psychischen Herausforderungen dieser Phase auch nicht zu unterschätzen. Entweder muss man sich endgültig vom Kinderwunsch verabschieden oder die Kinder langsam loslassen. Dazu kommt die Angst vor dem Alter und das Gefühl, nicht mehr begehrenswert zu sein. Gemeinsam mit der Hormonumstellung wirkt sich das oft auf die Libido aus. Dabei könnte gerade die zweite Lebenshälfte dazu genutzt werden, sich als Paar neu zu erfinden und auch die Sexualität anders zu gestalten. Doch viele Frauen trauen sich nicht, etwas auszuprobieren, damit der Sex wieder spannender wird. Sie haben Angst, was der Partner über sie denken könnte. Aber vielleicht denkt er ja auch: Wow!

Doch auch bei Männern gibt es Veränderungen. Gar nicht selten haben sie Erektionsprobleme und vermeiden deshalb den Sex. Die Frau kennt den Grund nicht und bezieht es automatisch darauf, nicht mehr attraktiv genug zu sein. Darum ist es so wichtig, über Sex zu reden – auch wenn es einem schwer fällt, das eine oder andere Thema anzusprechen.

Stimmt es eigentlich, dass Männer grundsätzlich mehr Sex als Frauen wo

Doris Kaiser: Das ist ein Klischée. Das wird ja gerne durch Studien belegt, aber man muss dabei vorsichtig sein. Wir wissen, dass Männer gerne bei der Häufigkeit etwas dazu mogeln, während Frauen beim Thema Zärtlichkeit schummeln. Prinzipiell haben aber Menschen viel weniger Sex, als in den Medien dargestellt. Außer anfangs in der Verliebtheitsphase. Jeder hat mal Zeiten, wo er oder sie lustlos ist. Auch da sollte man sich locker machen, was als „normal“ gilt. Alles ist ok, so lange es einem selbst gut tut – und in einer Partnerschaft sollte es natürlich für beide passen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Allgemein. Fügen Sie den permalink zu Ihren Favoriten hinzu.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.