Expertin: Gianna Bacio: „Die Masturbation führt zu einem offeneren und natürlicheren Umgang mit unserem eigenen Körper.“

Gianna Bacio ist eine der bekanntesten Expertinnen für Liebe und Sexualität. Sie ist Sexualpädagogin und weiß also wirklich, wovon sie spricht. Sie hat zwei Podcasts, einen für die Zeitschrift EMOTION und hat mir „Hand drauf“ gerade ihr erstes Buch geschrieben. Es ist ein inspirierendes Plädoyer für Masturbation mit vielen persönlichen Einblicken der Autorin, tollen Techniken, um sich selbst noch näher zu kommen und besseren Sex mit sich und dem Partner zu haben. Ich habe Gianna ein paar Fragen zum Buch gestellt.

In der Öffentlichkeit und in den Medien wird mittlerweile alles diskutiert: Von Sextoys über Analspiele bis hin zu offenen Beziehungsmodellen. Nur Masturbation ist irgendwie noch das letzte Tabu. Wie erklärst Du Dir das?

Gianna Bacio: Masturbation – alleine schon den Begriff nehmen die meisten von uns nur ungerne in den Mund. Die Alternativen klingen nicht viel besser: Selbstbefriedigung oder Onanie? Nein, sowas mache ich doch nicht! Es beginnt also damit, dass wir keinerlei schöne Begriffe für den Akt an sich haben und endet in einer allgemeinen Sprachlosigkeit. Das führt dazu, dass wir noch nicht mal den Hauch einer Chance haben, einen gesunden Umgang, geschweige denn eine Offenheit zu dem Thema zu entwickeln. Die mächtigste Rolle in dieser Tabuisierung spielt dabei unsere Vergangenheit. Jahrhundertelang war das Masturbieren verpönt, ja sogar verboten. Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen wurde ins Gewissen geredet, Masturbation sei eine Sünde und es wurde versucht diese „Selbstbefleckung“ mit allerlei Mitteln abzuwenden. Dieses Erbe unserer Zeit wird immer noch verdaut und viele Menschen denken leider bis heute, sie täten etwas Unsittliches, wenn sie sich selbst berühren und dabei Lust empfinden. Höchste Zeit also, dass wir das Denken dahingehend verändern, dass es etwas Wunderschönes und vor allem Normales ist, wofür wir uns in keiner Weise schämen müssen.

Männer masturbieren immer, auch in Beziehungen. Frauen hören oft auf, wenn sie liiert sind. Warum fällt es ihnen so schwer, sich selbst einfach sexuell Gutes zu tun – egal, ob da ein Partner ist oder nicht?

Gianna Bacio: Leider herrscht in manchen Köpfen der Gedanke vor, Masturbation sei eine Ersatzbefriedigung und nicht so vollwertig wie der gemeinschaftliche Sex. Dank ihres empathischen und sozial bedachten Wesens, haben Frauen eher ein schlechtes Gewissen, wenn sie selbst Hand anlegen, „obwohl“ sie doch einen Partner haben. Sie denken, sie würden ihren Partner durch die Selbstbefriedigung betrügen. Ihr Partner sollte, ihrer Meinung nach, all ihre Bedürfnisse befriedigen und vollkommen ausreichen. Dann hört man häufig Sätze wie „Nein, das brauche ich nicht“ oder „Mein Partner gibt mir alles, was ich will“. Doch das ist nur die halbe Wahrheit, denn den meisten Frauen fällt es durch Masturbation leichter Fantasien zu entwickeln oder auch einen Orgasmus zu erleben. Außerdem ist längst bekannt und wissenschaftlich bewiesen, dass Solospiele eine völlig eigenständige Form der Sexualität darstellen. Insofern sind schlechtes Gewissen oder Eifersucht völlig fehl am Platz. Im Gegenteil: Wir tun uns und unserer Partnerschaft etwas Gutes, wenn wir uns regelmäßig um uns selbst kümmern.

Du plädierst in Deinem Buch auch deshalb stark für Masturbation, weil Du sagst, der Sex wird einfach besser. Inwiefern?

Gianna Bacio: Masturbation schärft das Gefühl und Bewusstsein für den eigenen Körper und seine Bedürfnisse. Wer regelmäßig masturbiert, ist ausgeglichener, gesünder und vor allem weiß er, was ihm gefällt. Dass das positive Auswirkungen auf den Sex hat, kann  man sich nur vorstellen. Denn wenn wir wissen, was uns wo und wie gefällt, können wir dieses Wissen auf unsere Partnerschaft übertragen. Wir können ansagen, wie und wo wir berührt werden möchten. Wir haben ein viel feineres Gespür dafür, was wir wollen und was nicht. Auch führt die Masturbation zu einem offeneren und natürlicheren Umgang mit unserem eigenen Körper. Auch davon profitiert eine Partnerschaft und damit auch das Sexleben, denn wer sich wohl und angekommen in seinem Körper fühlt, ist dadurch viel eher in der Lage Leidenschaft und Ekstase zu empfinden.

Ich finde es verrückt, dass es immer noch eine Diskussion darum gibt, was der „richtige“ Orgasmus ist – vaginal oder klitoral etc. Jetzt kommt noch hinzu, dass Squirten ein Trendthema ist. Mein Eindruck ist häufig, bei Frauen geht es im Bett immer um Hochleistungssport. Wir müssen auf bestimmte Art performen, um richtig zu sein. Wie kommen wir endlich davon weg?

Gianna Bacio: Schon immer orientieren wir Menschen uns an Vorbildern, um zu lernen. Die Medien nutzen diese Tatsache aus und propagieren ein bestimmtes Ideal von Etwas. Ob das nun der „richtige“ Orgasmus ist oder das „perfekte“ Aussehen von Geschlechtsteilen. Die Wahrheit ist jedoch, es gibt weder richtig noch falsch, sondern ganz einfach vielfältig. Gefährlich wird es, wenn wir das vermeintliche Ideal als wahr anerkennen. Dann orientieren wir uns daran und fühlen uns schlecht, sobald wir ihm nicht entsprechen. Scheitern vorprogrammiert, denn wir werden dieses Ideal niemals erreichen. Während die Industrie davon profitiert, fühlen wir uns immer unzulänglicher. Einziger Ausweg: Hinsehen, Erkennen und Umdenken. Indem wir uns also bewusst machen, dass das medial vermittelte Bild unecht ist und wir selbst unsere Realität kreieren, haben wir die Möglichkeit etwas zu verändern. Mich selbst als Maßstab für meine Wirklichkeit zu erkennen, ist also unser Weg in die Freiheit. Lasst uns demnach Ideale stets kritisch hinterfragen, Diversität zeigen und vor allem immer bei uns selbst beginnen.

Dein Buch ist eine Einladung, sich nochmal ganz intensiv mit vielen spannenden Übungen mit seinem Körper zu beschäftigen. Wenn Du nur eine Übung empfehlen kannst, welche ist Dein Favorit?

Gianna Bacio: Oft genug meinen wir keine Zeit dafür zu haben, uns mit uns selbst zu beschäftigen, geschweige denn uns zu zelebrieren. Doch wer ist die wichtigste Person in meinem Leben? Ich selbst! Wenn wir ganz ehrlich zu uns selbst sind und unsere Prioritäten überdenken, findet sich Zeit und auch Ruhe, selbst im hektischsten Alltag. Sich also mindestens eine halbe Stunde mit sich selbst zu gönnen und es sich dabei einfach nur gut gehen zu lassen, gehört zu einer meiner Lieblingsübungen. Sich selbst eine schöne Atmosphäre schaffen durch Kerzenschein, ein Bad oder einen Duft. Sich sinnlich auszuziehen, im Spiegel anzuschauen und sagen „Ich bin wunderschön, genauso wie ich bin.“ Dabei ganz bewusst und tief in den Bauch zu atmen. Sich hinzulegen und den eigenen Körper zu streicheln, neugierig zu betasten, als würden wir ihn zum ersten Mal wirklich sehen. Herauszufinden, wo sich Berührungen besonders gut anfühlen, dort zu verweilen, aber auch wieder völlig absichtslos weiter zu streifen. Sobald Gedanken auftauchen, diese wahrzunehmen, aber wie Wolken weiterziehen zu lassen. Bei sich ankommen und genießen…

Der immer noch etwas verklemmte Umgang mit unserem eigenen Körper ist ja auch ein Produkt der Erziehung. Was würdest Du Eltern raten, die Töchter groß ziehen? Wie kann man Mädchen und junge Frauen ermuntern, früh Freude am eigenen Körper und ihrer Sexualität zu entwickeln?

Gianna Bacio: Wie bereits ausgeführt, lernen wir am ehesten über Vorbilder. Wenn ich als Mutter also einen natürlichen und bejahenden Umgang zu meinem eigenen Körper pflege, ist das schon mal die halbe Miete. Außerdem lässt sich dieses Gefühl auch mit Worten begleiten. Seinen Kindern also schon frühzeitig klarmachen und betonen, dass sie genauso wie sie sind wunderschön und in Ordnung sind, hilft auf jeden Fall. In meiner eigenen Jugend haben mir Bilder gefehlt, durch die ich erkannt hätte, wie vielseitig wir doch alle sind und aussehen. Mittlerweile gibt es hierfür großartige Aufklärungsbücher von Ann-Marlene Henning oder auch auf eine Vulva Galerie im Internet auf labialibrary.org, durch die sich die Vielfalt, die uns Menschen ausmacht, gut darstellen lässt.

Zu kaufen gibt es das Buch an allen üblichen Verkaufsstellen, im Buchhandel und natürlich bei Amazon.

 

 

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