Sexpreneure: Birte Fulde: „An Orion hängt mein Herzblut“

Wer Flensburg nicht kennt, könnte meinen, das norddeutsche Städtchen bestehe nur aus Orion. Das Taxi umfährt einen nicht endenden Häuserblock mit Gebäuden in einem Industriegebiet. Das Unternehmen für Sexartikel aller Art sitzt bescheiden. Keine Protzarchitektur, keine künstliche Sexiness. Das ist wohl das, was Birte Fulde, Leiterin für Marketing & Branding bei Orion, später „authentisch sein“ nennt. Dem gehen wir noch auf die Spur.

Ich bin ehrlich. Orion war für mich bis vor kurzem ein No-La-La-Land. Ein Versender für – wie ich meinte – old-fashioned Sexprodukte und olle Leute. Wenn ich mal im Netz nach kinky Artikeln surfte, landete ich bei Amorelie oder Eis.de. Zwei Erotikunternehmen der jüngeren Generation, die maßgeblich dazu beigetragen haben, Erotikartikel aus der Schmuddelecke rauszuholen. Sextoys, heiße Wäsche, das Erzählen über die letzten Sexabenteuer ist inzwischen Lifestyle geworden. Wer dabei nicht mitmacht, gilt schon fast als verspießt.

Orion – Mutter der Erotikunternehmen

Die Wurzeln des Erotik-Business haben freilich Unternehmen wie Orion und Beate Uhse geschaffen. Und die gehen bis in die 40er Jahre zurück. Neben dem Online-Geschäft betreibt Orion noch einen Verlag, einen Großhandel, der weltweit Erotikgeschäfte beliefert und eine Shop-Kette. Seit vier Jahren wird das Unternehmen mit 300 Mitarbeitern am Standort Flensburg von Maike Rotermund geführt. Seitdem hat sich viel getan. Besonders deutlich nach außen zeigt sich das im Brand-Marketing. Für das 5-Personen-Team ist seit Herbst 2017 Birte Fulde verantwortlich. Quirlig, herzlich, offen. Eine Frau, die man gerne als beste Freundin hätte und die einen verdammt guten Riecher dafür hat, wie man das „Mutterschiff neben den Schnellbooten“ wieder auf Kurs bringt. Als Mutter des Brandings ist ihr Ziel, „den Charme von Orion nach außen zu tragen.“

Die Flensburgerin, die vier Kinder hat und schon mal in der TV-Serie „Das perfekte Dinner“ gewonnen hat, liebt, was sie tut. Das spürt man schon, wenn man ihre sehr unterhaltsamen Posts auf Instagram anschaut. Dort redet ein Mensch, keine Kunstfigur, kein gewaltsam auf irgendwie sexy getrimmtes Image. Birte Fulde hat ohne Zweifel einen großen Anteil an der Comeback-Story von Orion. Sie ist authentisch, ein wenig mütterlich und repräsentiert einen Typ jenseits klassischer Rollenklischées im Erotik-Business. Und das ist so verdammt erfrischend.

Studiert hat Fulde Grafik und Mediendesign in München. Sie kommt also vom Fach. In München hatte sie ihre eigene Werbeagentur, bevor sie aus Familiengründen zurück in ihre Heimat zog. Zu Orion hatte sie immer wieder Kontakt und auch schon Projekte realisiert. Sie wusste also, zu wem sie geht, als sie vor 2017 beim Unternehmen fest anheuerte. „Es ist meine Passion, mein Herzblut“, erzählt sie gleich zu Beginn. Und das glaubt man ihr. Es ist kein Marketingspruch. Sie identifiziert sich mit dem, was sie tut. Sie ist authentisch. Und bekommt das auch in persönlichen Posts zurückgespielt.

Mit einem guten Gespür für die sich wandelnde Kommunikation setzt sie mit ihrem Team stark auf Social Media und Influencer-Marketing. Doch statt die scheinbar perfekten Markenbotschafter zu engagieren, lässt Fulde Menschen mit Ecken und Kanten für das Unternehmen sprechen. So wie die Influencerin Nicolette Vlogt, die ihre zahlreichen Follower mit schonungslos offenen Stories über Selbstliebe und Sexualität versorgt und bei Orion sogar eine eigene Produktlinie hat.  Mit der Unterstützung von Orion wird sie 2019 mit einem eigenen Programm auf Tournee gehen.

Erfolgsfaktor Authentizität

Auch andere Orion-Influencer sind sehr eigene Charaktere und repräsentieren damit auf ganz selbstverständliche Art den Claim des Unternehmens: „Liebe doch wie du willst.“ Bloß keine falschen Vorbilder, kein unerreichbares glossy Bild oder Erotikschubladen aufbauen. „Es gibt diesen Druck, immer megaerotisch und scharf zu sein. Das ist aber nicht die Realität. Lasst uns ehrlich sein, wir haben auch nicht dauernd schönen Sex“, erläutert Birte Fulde.

Von dieser weniger perfekten Erotikwelt erzählt sie auch gerne mal auf ihrem Insta-Profil. Genauso wie von ihrem ebenso wenig perfekten Familienleben, wo eben mal nicht aufgeräumt wird, die Haare auch mal fettig sein dürfen und es jeden Sonntag einfach Spaghetti Bolognese gibt. Birte Fulde ist anfassbar und macht darüber Orion nahbar. Dort wo die neuen Erotikversender kühl und perfekt wirken, kommt Orion als Unternehmen mitten aus dem Leben rüber.

Auch wenn sie sichtlich Spaß an Social Media hat, hängt sie nicht zwanghaft daran. „Ich kann mir auch vorstellen, irgendwann in die zweite Reihe zu treten, wenn es für mich oder Orion nicht mehr passt, so präsent nach außen zu sein.“  Das dürfte aber sicher noch dauern.

Auch weil Orion am besten den Querschnitt deutscher Käufer von Erotikartikeln verkörpert. Und Birte Fulde einfach eine von ihnen ist. Alle Altersgruppen, Schichten und Bodytypes werden beim Flensburger Unternehmen fündig. Das Sortiment ist breit, geht von Toys über Dessous bis hin zu Büchern. Die Sextoys werden dabei sogar so streng wie Spielzeug getestet.

Darüber hinaus bedient Orion schon lange das Curvy-Sortiment mit Größen bis zu 4XL. Eine eigene Designerin kreiert diese Dessous-Linie, die durchaus hochwertig und erotisch rüberkommt. Darüber hinaus hat sich die eigene Produktserie „Best Mate“ zum Bestseller entwickelt. Sie vereint modernes Design in neutraler Verpackung (trotz Toy-Boom mögen es die Deutschen dennoch diskret), hochwertige Soft-Touch-Oberfläche, ein breites Sortiment zu attraktiven Preisen.

Das erfolgreichste Sex-Spielzeug ist nach wie vor der „Womanizer“. Aber das Vibrouei „Belou“ mit Klitorisarm und Fernbedienung ist laut Fulde schwer im Kommen. „So ein Toy macht für Paare einen Abend zu etwas sehr Besonderem“. Bei Männern ist der „Mastubator“ der Renner.

Vibrator mit Klitorisreizer von Best Mate

Dass der Sextoy-Boom irgendwann vorüber sein dürfte, ist kaum zu erwarten. Auch weil die Anzahl an Bloggern, die sich auf unterschiedlichste Weise mit Sex und Erotik beschäftigen, immer noch zunimmt. Themen wie Swingen, offene Paarbeziehungen, erotische Literatur, Sextoy-Berichte, Selbstliebe und Masturbation erobern sich langsam aber sicher ihren Platz in der gesellschaftlichen Diskussion. Grenzen, wie Beziehungen, Frauen und Männer zu sein haben, lösen sich – Gott sei Dank – zunehmend auf.

Es gibt also noch verdammt viel zu entdecken und auszuleben. Und Birte Fulde dürfte mit Orion dabei auch in Zukunft eine vitale Rolle spielen. „Ein Tanker wie Orion stirbt nicht so schnell, hat Erfahrung und ist beständig. Vielleicht sind wir die Underdogs, aber wir werden jeden Tag mehr“, ergänzt Fulde mit Augenzwinkern.

 

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Allgemein. Fügen Sie den permalink zu Ihren Favoriten hinzu.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.